|CampusFM Musik|
|Der "klingt anders" Mix für Duisburg und Essen|


|Konzert: Get Well Soon -26.2.2010 Gloria Theater, Köln|

Hannah Seichter

Kleinere Veranstaltungsorte bergen oft einen ganz besonderen Zauber in sich. Aus dieser Perspektive gesehen ist die kleine, spezielle Venue im 50er Flair der Vexations-Tour bereits ein äußerst positives Omen für die Qualität der nahenden Performance. Eine Erwartung, die alsdann auch bald erfüllt werden soll.
Die Vorstellung eröffnet das amerikanische Museé Méchanique. Der Zuschauer fühlt sich in ein sepiafarbenes Bild aus warmen Folkklängen gehüllt. Ein gut durchdachtes Vorprogramm, wie sich später herausstellen soll, denn gerade diese Art von Musik betont und unterstreicht das, was hier anschließen soll, noch besonders, denn schließlich kommen befremdende, entrückende Elemente viel besser zur Geltung, wenn ihnen etwas vertrautes, behagliches vorangegangen ist. In diesem Falle eine angenehme, schmeichelnde Gesangsstimme und ein warmes Akkordeon. Die Maxime für diesen Abend beschließt sich schon jetzt: Wenn Musik, dann handgemacht und (fast) ohne jegliche Samples oder Aufnahmen. Ganz nach dem Motto: „Keine halben Sachen.“

Parallelen zwischen Support und Hauptact bestehen in sofern, dass beide Bands den Besucher einnehmen, dass dann jedoch auf ganz unterschiedliche, ihnen jeweils eigene Weise:
Erzeugen Museé Mechanique noch ein nostalgisches, träumerisches Gefühl, handelt es sich bei Konstantin Gropper und seiner 5-köpfigen Band um eine geschickte, kühle, aber keinesfalls kalte oder künstliche Gesamtinszenierung. Eine, die mit einem roten Faden mittels Filmen auf der Bühnenleinwand beginnt und bei den reserviert wirkenden Agierenden aufhört. Letzterer Eindruck wird jedenfalls nur teilweise durchbrochen, etwa wenn Gropper nüchtern meint: „Ich habe meinen Zettel mit lustigen Sprüchen in der Garderobe vergessen.“, dann aber dennoch improvisiert: „Ist das Kunst, oder kann das weg? Wir sind Get Well Soon -die Band zur Fastenzeit.“

Größtenteils wird man von der guten Akustik mitgerissen: Die Drums hallen bei Darbietung Nummer zwei -Seneca`s Silence- kraftvoll durch die Knochen. Weil bis auf Bassist und Schlagzeuger alle Musiker Multiinstrumentalisten sind, gilt dies ebenso für Vibraphon und Glockenspiel. Passagen, die auf Platte vielleicht etwas schlicht und ruhig wirken dürften, bekommen eine neue Dynamik.

Charakteristisch ist in jedem Falle diese Schwebe zwischen melancholischer Ernsthaftigkeit und einer Art morbidem Humor. „When I was old enough, they showed me pictures. But I guess, I wasn`t old enough yet, because I wasn`t looking at the pictures -the pictures were looking at me. “, erzählt da die Protagonistin der Leinwandfilmchen; „I`ll bring the poison/ Will you bring the knife?, fragt Gropper in Seneca`s Silence. Aber trotz allem Speziellen und obligatorisch zugeknöpften Anzug Groppers: Nach spätestens der Hälfte des Konzerts entsteht eine intime, fast schon familiäre Atmosphäre zwischen Audienz und Band. Dies mag an der günstigen Location liegen, die automatisch eine gewisse Verbindung zu den Musikern herstellt. Wahrscheinlicher ist aber: Es liegt an der Musik. Als Gropper bei Tick Tack! Goes My Automatic Heart zur Akustikklampfe greift, versinkt der Saal im Chor der Zuschauer, der erst fast unmerklich sich schließlich kontinuierlich steigert. Die Zuschauer sind es dann nun, die den „Song of life“ zum „Automatic heart“ singen. Ohne sie würde dieses Stück an Lebendigkeit und Wärme einbüßen.

Die anschließende Brücke zu Angry Young Man ist eigentlich gar nicht so hart, aber die gemäßigten Drums werden dennoch als ungewöhnlich hart empfunden und reißen fast aus dem Schwebezustand des vorangegangenen Songs.

Natürlich lässt man die Band nicht ohne Zugabe davon. Auch nicht, wenn Verena Gropper (Violine, Gesang) trotzig meint: „Ihr seid gemein!“.
Schließlich singt sie dann aber doch noch für die vier Zugaben mit kaum wahrnehmbarem Schmunzeln die Sopranpassagen.

Den anschließenden Applaus haben sich die sechs wahrlich verdient. Auch wenn sie nur selten lächeln.

|Interview: Matt&Kim Köln, Live Music Hall|

Ben Grosse-Siestrup

Wir sitzen gemütlich und entspannt im Backstagebereich der Live Music Hall auf roten Ledersofas, die Situation und die Atmosphäre ist gelöst, aber eine Kleinigkeit fehlt. Kim … weit und breit keine Spur von der zweiten Hälfte der Band. Wir beginnen schließlich mit dem Interview...

Frage: Glaubst du, dass soziale Netzwerke wie Facebook und Myspace für den Erfolg eurer Band verantwortlich sind?

Matt: Ich glaube das Internet und die verschiedenen sozialen Netzwerke haben uns sehr geholfen, das würde ich nie abstreiten, auch wenn manche Leute anders dazu stehen, dass man sie auf Myspace finden kann. Aber sie haben diese weltweiten Plattformen geschaffen, auf denen sich jeder zurecht findet und jeder weiß, wo man Musik hören kann, denn wenn du auf eine großein Flash aufgemacht Band-Website gehst, dann kannst du ihre Songs nicht hören und weißt auch gar nicht, wie sie klingen. So ist es auch nicht leicht, sie anderen weiterzuempfehlen und darauf haben wir immer gebaut. Leute, die anderen Leuten von unserer Band erzählen, egal ob sie bei einem unserer Konzerte waren und andere dahin mitschleppen, wenn wir das nächste Mal da sind oder ob sie uns online hören und den Link weiterschicken. Bei uns war es immer Mund-zu-Mund Propaganda.

Frage: Erst Plattenvertrag und dann Album?

Matt: Nein, wir haben uns dazu entschieden, unser Album erst fertigzustellen und es dann bei einem Label zu lizensieren, das war uns sehr wichtig. Wir wollten es einfach selber machen und es dann lizensieren, damit es uns am Ende immer noch gehört. Manchmal ist es so, dass, wenn ein Label die Kosten für die Aufnahmen übernimmt, gehört ihnen auch das Album und das ist frustrierend. Man hört ja immer wieder davon, dass Leute wie Paul McCartney versuchen ihre eigenen Songs zurückzukaufen… das ist doch verrückt.

Frage: Euer erstes Album habt ihr in kürzester Zeit eingespielt. Man munkelt bei dem zweiten Album waren 6 Wochen geplant, aber im Endeffekt hat es dann, sagen wir mal, ein „bisschen“ länger gedauert.

Matt: Unser erstes Album haben wir in einer Woche aufgenommen. Wir haben uns also sechs Wochen Pause vom Touren genommen um das neue Album aufzunehmen. Das war nicht mal annähernd genug Zeit, wir haben am Ende neun Monate gebraucht, weil wir auf Tour waren und was nicht alles. Mal sitzt du einfach mehr dran und mal weniger, du schaffst es immer nur mal eine Woche zwischendurch dafür zu opfern… und wenn man bedenkt, wie lange es dauert ein Baby zu bekommen, haben wir es deswegen auch „unser Baby“ genannt. Wir haben uns auch entschieden, die ganze Produktion und so selber zu machen, weil wir, was unsere Bandgeschichte angeht, noch sehr jung sind und einfach etwas über unsere Band lernen wollten. Du hast einfach viel mehr Freiheiten, wenn du alles selbst machst.

(die Tür springt auf und Kim steckt uns ihr strahlendes Gesicht entgegen)

Ah Kim hat soeben den Raum betreten, nachdem sie gerade losgelaufen ist um ein Badminton-Set zu kaufen mit dem wir uns von nun an körperlich fit halten werden.

Frage: Hättet ihr gedacht, dass eure Band mal zu eurer Haupterwerbsquell wird?


Kim: Tja, wer hätte das Gedacht? (lacht)

Matt: Vor dieser Band, habe ich nur in Bands gespielt die mehr oder weniger ein Art schlechte Angewohnheit waren. Meistens relativ teure Projekte, aus denen man aber im Gegenzug kein Geld rausschlagen konnte und aus denen man auch nicht mal eben aussteigt. Überraschender weise ist das jetzt auch mein beständigster Job und auch der finanziell sicherste Job den ich je in meinem Leben gehabt habe. HA, was haltet ihr davon Mama und Papa??? Nein, ich mache nur Spaß, die beiden haben mich immer sehr unterstützt und sind wohl die letzten denen ich vors Gesicht stoßen wollen würde.

Frage: Wollt ihr in jedem Fall ein Duo bleiben, oder könntet ihr euch auch vorstellen noch eine dritte Person aufzunehmen?

Kim: ich habe mir überlegt, dass es einfacher ist wenn wir zu zweit bleiben

Matt: Naja, eigentlich war es schwierig. Nachdem wir Grand produziert haben, sind mehr spuren und Instrumente ins Spiel gekommen. Und die Frage war, wie um alles in der Welt spielen wir diese Songs live? Ach weißt du, ich denke auch, dass wir nie nur mal eben eine Person in die Band aufnehmen können, dass wäre irgendwie komisch

Kim: Einmal haben wir …wie viele waren das noch? 22 Leute? Eine
ganze Blaskapelle. Ich denke wenn wir nochmal jemanden aufnehmen sollten wird das
bestimmt wieder eine größere Nummer.

Matt: Und dann noch das eine Mal bei dieser Award-Show, wo wir 8 Background Sänger mit dabei hatten. Ich denke aber es ist eine Sache gleich eine ganze Gruppe kurzzeitig zu integrieren, als das daraus plötzlich Matt&Kim und irgendjemand wird.

Frage: Bei eurem Song „Daylight“ ist es nicht ganz einfach zu verstehen, worum es in dem Song eigentlich geht bzw. ob es überhaupt ein wahre Essenz gibt.

Matt: Zuerst würde ich gerne sagen, dass wir uns bei diesem Album für einen lyrischen Prozess entscheiden haben, bei dem vieles selbst zu interpretieren ist. Ich bin glücklich zu hören, dass verschieden Leute verscheiden Wahrnehmungen und Aussagen aus dem Text ziehen können. Ich mein, für mich hat dieser Song viel eher was mit einem nostalgischen Gefühl zu tun, als mit irgendetwas anderem. Besonders so Sachen wie New York während der Sommermonate. Es geht wirklich für mich persönlich um nichts anders als dieses Gefühl und das ist in Wahrheit das Beste was ein Song dir geben kann und ist ebenfalls besser als dir wörtlich eine Geschichte zu erzählen. Es geht einfach um dieses nostalgische Gefühl von … Zuhause (beide gleichzeitig).

Frage: Eure Videos sind zum Glück mal etwas außergewöhnlicher und sehen nach viel Spaß aus. Wer von euch ist denn für die Videos verantwortlich oder wer hatte die Idee dazu?

Matt: Die Grundidee zu „Daylight“ und „Yeah Yeah“ hatten wir eigentlich beide. Im Video zu „Yeah Yeah“ bewerfen uns Leute mit Unmengen von Essen. Das beruht darauf, dass wir mal ein Konzert in Texas hatten, bei dem einige Freunde von uns da waren, die zu spät kamen und völlig betrunken waren und uns mit Essen beworfen haben, während wir versucht haben zu spielen. Es waren auch nicht so viele Leute da …

Kim: Also sie haben nicht angefangen uns mit Essen zu bewerfen, sie haben versucht uns mit Pizza zu füttern, während wir gespielt haben und das ist dann dahin eskaliert, dass sie uns damit beworfen haben und uns sogar die Getränke über den Kopf geschüttet haben. Unser Freunde sind echt Pottsäue … (beide grinsen)

Matt: Als wir dann die Stadt verlassen habe, es war Houston in Texas, haben wir uns gedacht: Genau so ein Video müssen wir machen, indem wir einfach versuchen, weiterzuspielen, während uns Leute mit Essen bewerfe, das haben wir nämlich versucht, während sie uns die ganze Zeit zugemüllt haben, was aber auch eigentlich sehr lustig war. In dem Song „Lesson learned“ geht es um die Befreiung, die man fühlt wann man ganz unten ankommt, dann ist man absolut frei, es kann ja nur aufwärts gehen. Ich dachte, wenn man sich an der öffentlichsten Stelle, die es in den Vereinigten Staaten gibt, dem Time Square, auszieht, wäre das genau die richtige Art , mal richtig auszurasten. Unser Freund Taylor, der auch in Houston dabei war, hat Regie geführt. Es hat unglaublich viel Spaß gemacht, dass Video zu drehen, aber Kim war gar nicht glücklich damit.

Kim:Ich wollte dieses Video absolut nicht machen … und ich hoffe, dass wir so etwas auch nie wieder machen werden.



|Konzertbericht: Moneybrother 02.12.2009 Essen Zeche- Carl|

Real Control-Tour

Es ist 18:45 Uhr als ich in der Zeche- Carl ankomme. Gestresst von einem langen Tag an der Universität erhoffe ich mir hier einen Ausgleich für einen anstrengenden Tag. Meine Hoffnung scheint sich zu bewahrheiten, denn als ich die Zeche betrete stehe ich nicht weit der Tischgruppe von Moneybrother und Band plus Support entfernt. Das Ensemble genießt sein gemeinsames Abendessen, zu welchem Wein und Espresso gereicht wird. Es stellt sich eine ruhige und gemütliche Atmosphäre ein, denn überall auf den Tischen und auf dem Tresen stehen Kerzen, die für eine angenehme, indirekte Beleuchtung sorgen.
Nach einer Weile lehren sich die Tische der Künstler. Geht es etwa schon los?Pünktlich zum zeitlich festgelegten Beginn der Veranstaltung finden sich die Fans vor der Bühne ein. Der Saal wird stetig voller, wobei auffällt, dass der Anteil der weiblichen Gäste deutlich höher ist.
Leider ist die Bühne immer noch leer und man sieht immer noch vereinzelt Roadies, die Einstellungen am Equipment vornehmen. Schließlich sollte es ja gleich losgehen (es ist mittlerweile kurz vor neun!). Es ist allgemein bekannt, dass sich das Publikum nach einer langen Wartezeit lautstark bemerkbar macht, doch weit gefehlt; die ca. 200 Gäste wirken gelassen und gut gelaunt. Plötzlich wird die Bühne in Rauch gehüllt und das Licht gedimmt; sollte es tatsächlich jetzt losgehen? Getreu dem Motto „Was lange währt, wird gut“ betritt schließlich jemand die Bühne und richtet das Mikrofon in die richtige Position. Es ist nicht Moneybrother oder seine Begleitband Panthers, nein, es ist ein seltsam altmodisch gekleideter Mann, der seiner äußeren Erscheinung nach Elemente von Salvador Dali, Marlon Brando und Al Capone vereint. Von einer Band ist weit und breit nichts zu sehen, denn es handelt sich hier um einen Solisten, nämlich Franz Nicolay aus New York. In der Indie – Szene unlängst bekannt, überzeugt dieser charismatische Mann mit seiner Performance aus Blues- und Folkelementen. Dieser Hannes Wader der Moderne schafft es unter Einsatz seiner Instrumente (Gitarre, Akkordeon und Banjo) und nicht zuletzt seiner angenehmen und markanten Stimme das Publikum schnell für sich zu begeistern. Dabei erinnert sein Auftritt mit Songs wie There will be violins sharp things cove an alte Zeiten in denen Männer wie Paul Anka ihre Erfolge feierten. Auf der anderen Seite schlägt der Song Jeff Penalty eher in die Richtung des Punks.
Nach ca. 30 Minuten angenehmen Entertainments bestätigt sich das Gefühl um eine musikalische Erfahrung reicher zu sein und dem Beginn von Moneybrother näher zu kommen. So sollte es dann schließlich nach weiteren 15 Minuten auch sein. Der Hauptakt und seine Begleitung betreten, jeweils mit drei Bier eingedeckt, die Bühne, was wohl entweder dem Grund des großen Durstes oder vielleicht doch der Tatsache obliegt, dass Alkohol in Skandinavien hoch besteuert ist.
Mit dem ersten Song Born under a bad sign, welcher zugleich der erste Song auf dem neuem Studioalbum ist, startet Moneybrother sein Set. Dieses Set beginnt mit einer Mischung aus Eleganz, Humor und auch Respekt vor dem Publikum, welches nunmehr eine knappe Stunde auf Moneybrother und sein Gefolge gewartet hat. Dabei soll hier keine Abgrenzung zwischen Herrn Anders Olof Wendin und den Panthers gemacht werden; obwohl sie sich als separate Band verstehen, fügen sich beide Seiten harmonisch zu einem Ganzen zusammen. Das lässt sich daran erkennen, dass nicht Moneybrother allein im Vordergrund zu stehen versucht, denn in manchen Augenblicken verliert man den Fokus auf ihn und widmet sich auch dem Bassisten/Sänger der Panthers Henrik Nilsson.
Über Titel wie Don´t call the police vom Erfolgsalbum Blood Panic hin zur hitverdächtigen Ballade 6 AM des neuen Tonträgers, welcher leider vorerst in Schweden veröffentlicht ist, scheut sich Herr Wendin nicht ein Weihnachtsständchen zu geben. Schon nach dem vierten oder fünften Titel fühlte man eine gewisse familiäre Atmosphäre, die, so macht es den Eindruck, ein nicht unwichtiges Qualitätsmerkmal der Konzerte Moneybrothers´ ist. Diese Beziehung zum Publikum wird ebenfalls durch Dialoge und Gesten des Respekts aufrecht erhalten. An diesem Abend blieben keine Wünsche offen, denn bekannte Titel wie Blow him back into my arms und They're building walls around us wurden gut in die Setlist eingebaut und nicht, wie unter dem Titel der Tour etwa zu vermuten ist, von vielen neuen Songs überschattet.


von Alexander Gruden


|Frank Turner Interview Luxor, Köln - 2.12.|

das Interview führte Ben Grosse-Siestrup

Frage: Der Erfolg der sich inzwischen bei dir eingestellt hat war mitunter einer der Gründe warum du dieses Jahr auch intensiv in den Staaten getourt bist.

 Ja, ich war dieses Jahr schon 4-mal in den Staaten. Für einen Europäer ist es immer eine echt große Sache: Die Tour in Amerika...und es ist großartig, ich meine es ist ein riesiges Land und die Strecken die man fährt sind unglaublich, aber es ist super, ich habe mit unglaublichen Sängern und Bands getourt, wie Chuck Ragan, der ist echt super und ich bin diesen Sommer mit "The Offspring"  auf Tour durch die USA gegangen, was irgendwie schräg war, aber auch wirklich cool.

 Frage: Was hat dir auf der Tour durch die USA am besten gefallen?

 Wenn du einen Englischen Akzent hast, liegt dir Amerika zu Füßen(lacht).

 Frage: Bevor du dich mit deiner Gitarre bewaffnet als Solokünstler ausprobiert hast, warst du in der Punk-Band Million Dead. 2005 habt ihr euch während der Tour auf einmal aufgelöst und habt später in den Medien gesagt, dass es „irreconcilable differences“ also unüberbrückbare Unterschiede waren die der Auflösung zugrunde lagen. Was steckte wirklich dahinter?

 Wir waren einfach überhaupt keine Freunde mehr, wir haben uns eigentlich gehasst. Und irgendwie macht es auch keinen Spaß mehr, mit 4 Leuten in einem Van durch Europa und Großbritannien zu fahren, die sich gegenseitig umbringen wollen. Wir haben zwar versucht uns wieder zusammenzuraufen, aber das hat nicht geklappt. Eigentlich ist das wirklich schade, weil ich  persönlich glaube, dass wir eine gute Band waren und tolle Alben gemacht haben und noch mehr davon hätten machen können. Aber ich habe seit der Trennung bis heute nicht mehr mit dem Gitarristen der Band gesprochen und ich würde ihm immer noch gerne mal in die Familienjuwelen hauen.

 Frage: Du hast die Tour danach dann einfach als Frank Turner zu Ende gespielt, weil du das Gefühl auf Tour zu sein nicht aufgeben wolltest.

 Das war eine der wirklich wichtigen Sachen. Ich wollte einfach weiterhin auf Tour gehen, denn das ist meine Lieblingsbeschäftigung. Da ich aber nicht mehr in einer Band spielen wollte, hab ich halt alleine Konzerte gespielt. Einer der Gründe auch, warum ich jetzt gerade diese Art von Musik mache, denn es gibt einfach nicht viele Richtungen in die du mit einer Person und einem Instrument gehen kannst. Natürlich hat es auch andere Gründe gegeben, aber das war einer der ausschlaggebenden.

 Frage: Nachdem das Hardcore und Punk-Projekt Million Dead dann letztendlich gescheitert ist, gibt es denn da auch Tage wo du es vermisst diese Art von Musik zu machen? Du warst ja schließlich nicht ohne Grund seit dem du 16 bist in diesen musikalischen Kreisen unterwegs.

 Klar gibt es da Tage, aber nicht jeden Tag. Vielleicht werde ich eines Tages ein Hardcore-Projekt aufziehen. Ein einmaliges Projekt mit Freunden oder so was ähnliches. Ich habe kürzlich mit Jim Ward von At The Drive Inn gesprochen und wir haben überlegt zusammen eine Band zu gründen. Das Problem ist, dass wir beide ungefähr für die nächsten 2 Jahre keine Zeit haben werden, weil wir so beschäftigt sind. Wir wissen also beide nicht, wann das passieren könnte. Vielleicht eines Tages.

 Frage: Nachdem das Album „Love Ire and Song“ 2008 in England und 2009 im Rest von Europa sehr erfolgreich war hast du dieses Jahr mit „Poetry Of The Deed“ gleich nachgelegt. Sind die Erwartungen beim Aktuellen Werk schon spürbar höher?

 Ich probiere schlicht und einfach keine Erwartungen an meine Alben zu haben, denn ich denke, dass das der falsche Weg ist an Alben heranzugehen. Es ist einfach viel wichtiger mich zu vergewissern, dass Aufnahmen eines Albums isoliert werden von allen Erwartungen die die Kariere, irgendwelche Auftritte und ähnlichen Krempel betreffen.  Du bist einfach zum Scheitern verurteilt wenn du beim Songwriting die ganze Zeit über deine zukünftige Kariere nachdenkst. Weißt du was ich meine? Das wirkt gestellt und gekünstelt. Da ist es für mich einfach wichtiger gute Songs zu schreiben, sie gut spielen zu können und dann ein gut klingendes Album zu machen. So sollte es sein, unabhängig bei welchem Label du unter Vertrag stehst, mit wem du auf Tour gehst und so ein Kram. Ein weitere Vorteil ist, dass alles was dann passiert einfach eine schöne Überraschung ist.

 Frage: Gerade die Musikpresse in Europa feiert dich als denjenigen der die Musikrichtung Folk  wieder ins Bewusstsein der Menschen zurückgebracht hat. Einfach auch aus dem Grund weil du dem alten und traditionellen Genre einen modernen Touch gegeben und es somit auch besonders für jüngere Leute aufs Neue erschlossen hast.

 Wirklich? Wow, das ist großartig und das ist wirklich nett. Daumen hoch, danke dafür. Ich weiß nicht…ich denke…als ich anfing das zu machen was ich heute mache benutzte ich häufig das Wort „Folk“ um zu beschreiben, was ich tat und es war so etwas wie ein Manifest dieses Wort zu benutzen, um zu beschreiben, was ich versuchte zu tun, weil traditionell hat Folkmusik viel mit Gemeinschaft zu tun, alle singen zusammen. Und als ich aufwuchs hatte ich nicht wirklich viel mit Folkmusik am Hut, aber ich und meine Schwester saßen für gewöhnlich immer um Mitternacht, wenn wir aus dem Pub kamen am Küchentisch und spielten Gitarre und sangen zusammen mit all unseren Freunden und dieses Gefühl, wenn alles zusammen gesungen haben und das Gefühl derjenige mit der Gitarre zu sein, nicht der Rockstar, sondern der, der die anderen beim Singen zu unterstützt, das war echt cool.

 Frage:  Für viele Leute ist die Musik die du machst die perfekte Klangkulisse für einen Pub, aber inzwischen spielst du auch locker 500er Clubs und Konzerthallen. Was liegt dir persönlich mehr und was war dein schönstes Konzert auf der letzten Tour?

 Ich hatte fürchterliche große Konzerte und ich hatte echt klasse große Konzerte und ich hatte fürchterliche kleine Konzerte, viele fürchterliche kleine Konzerte, aber ich hatte auch wirklich ganz großartige kleine Konzerte. Als ich zum Beispiel in Arkansas war, Little Rock, also in Amerika, da waren grade mal 20 Leute beim Konzert und das war mit unter das beste Konzert der ganzen Tour. Einfach weil bloß ich, Chuck, Jim Ward und einige andere Leute da waren. Und die Band kaufte eine Flasche Whiskey an der Bar und jeder im Publikum bekam einen Schluck ab Und wir reichten sie rum, und wir kamen von der Bühne und spielten auf dem Boden, weißt du, das war einfach eine großartige Nacht. Also, tja ich spiele halt einfach gern an Orten, wo wir eine gute Zeit verbringen können und wo wir einfach zusammen Spaß haben.

 Frage: In deinem Song „Reasons Not To Be An Idiot“ geht es allgemein formuliert um das Leben bzw. darum menschlich zu handeln und auch zu bleiben. Die Songzeile, „dass man einfach zwischendurch heimlich The Smiths hören muss, wenn man nicht gut drauf ist und das man damit auch nicht alleine steht“, halte ich für besonders gelungen. Wie stehst du zu der Band und was steckt wirklich hinter diesem Song?

 Ich mag die Smiths, sie sind ein großartige Band. Sie sind diese typische Band, die sich Leute anhören, wenn sie depressiv und traurig sind. Weißt du, dieser Song war speziell inspiriert von der Ex-Freundin eines Freundes, die einfach furchtbar schrecklich war. Weißt du, eine von diesen Leuten, die eigentlich alles im Leben haben, was sie brauchen, aber die es mögen ein Drama zu inszenieren und die es mögen von anderen bemitleidet zu werden und die es meistens als Waffe einsetzen, um die Dinge zu bekommen, die sie wollen. Aber du weißt ja dieses: „Oh, ich bin so depressiv“, aber eigentlich ist sie reich, gebildet und sie macht was aus ihrem Leben und das war halt der Punkt für den der engere Freundeskreis sie gehasst hat und jedes Mal, wenn sie zusammen ausgingen war es so: Oh nein, die schon wieder, und als dann endlich Schluss war, war das wie eine Party und jeder rief Hurra!

Frage: In „Photosynthesis“ schreibst du über das Älterwerden und das du auch dem aktuellen Jugendslang nicht mehr folgen kannst. Im zarten Alter von 27 Jahren kann das doch eigentlich nur ironisch gemeint sein. Setzt du dich wirklich ernsthaft mit dem Altern auseinander?

 Ach das war so, ich hab eine Cousine die mich vor kurzem über Facebook gefunden hat und die mir Emails schreibt die ich einfach nicht verstehen kann. Sie schreibt mit Textspeak und quatscht mich mit irgendwelchen Bands voll, von denen ich noch nie etwas gehört habe und das auch noch in einer Sprache die ich nicht verstehe. Ich mein sie ist erst 13, aber gibt mir wirklich das Gefühl alt zu sein, wenn sie mir diese übergeschnappten Nachrichten schickt. Fühlt sich an, als ob man eine andere Sprache liest. Da ist es wohl an der Zeit die Pfeife und die Pantoffel rauszuholen und ins Altenheim zu gehen. Ich gebe auf und gestehe, dass ich nicht mehr länger cool bin.

 Frage: Neben einem möglichen Hardcore und Punk-Projekt mit Jim Ward von At The Drive-Inn und einem gut gefüllten Tour-Kalender, was sind  deine weitern Pläne für die nähere Zukunft?

 Viele Konzerte geben und viele Songs schreiben. Solche Sachen halt. Ich bin nämlich vom touren noch lange nicht die Nase voll. Ich liebe es einfach auf Tour zu sein, für mich absolut der beste Lifestyle den ich mir vorstellen kann. Es ist wie Pirat zu sein, der Tour-Bus ist dein Schiff und du segelst von Stadt zu Stadt und hinterlässt alles zerstört.

Außerdem hat Hobby-Pirat Frank Turner uns verraten, dass er  im nächsten Jahr definitiv an einem neuen Album arbeiten wird, welches dann voraussichtlich Anfang 2011 auf den Markt komme soll. Bei dem durchschlagenden Erfolg den die letzen beiden Veröffentlichungen „Love Ire and Song“ und auch „Poetry Of The Deed“ hatten,  sind wir natürlich gespannt und verfolgen das Treiben des Briten weiter für euch. Long live the Queen and Frank Turner.




|Interview mit Jeremy Cunningham - The Levellers (UK)|

          (Bassist) - Münster,Gleis 22 (22.11.2009)


Letztes Jahr habt ihr 20-jähriges Bandjubiläum gefeiert. Ziemlich
beeindruckende Zeitspanne.

Ja, Da hab ich noch gar nicht so drüber nachgedacht, aber so ist es wohl

Hättet ihr euch früher träumen lassen, dass ihr heute noch auf Tour und
vor allem erfolgreicher den je sein würdet?

Nicht wirklich, damals haben wir so weit noch gar nicht gedacht und nur
überlegt, dass es an ein Wunder grenzen würde wenn es die Band in 10 Jahren noch gibt. Fast ein bisschen merkwürdig.

Hört man sich euer aktuelles Album LETTERS FROM THE UNDERGROUND an, fällt sofort auf, dass es deutlich mehr nach Punk und auch Wut klingt als eure letzten Alben …. Da gab es doch bestimmt einen triftigen Grund für, nicht wahr?

Wir wollten auf jeden Fall ein Album machen, dass wieder mehr nach uns
klingt. Das war eigentlich die einzige Idee dahinter, Außerdem waren wir sehr unzufrieden mit dem politischen Status Quo,  als wir das Album aufnahmen. Das sind die letzten Tage der Präsidentschaft von George Bush und auch von Tony Blair in GB gewesen. Das Resultat war dann eben ein sehr wütendes und schnelles Album. Es hat der Sache aber gut getan.

Euer Album ist 2008 in GB veröffentlicht worden und George Bush ist
inzwischen aus dem weißen Haus gejagt worden. Wie siehst du die Veränderung die sich gerade in den Staaten anbahnen?

Das kann eigentlich nur eine gute Sache sein. Ich mein, George Bush ist ein
echtes Monster. Nach ihm wäre wohl Jeder eine gute Alternative gewesen. Niemand weiß so genau wie dieser Change aussehen wird, wer weiß. aber jeder ist besser als George Bush. In der Außenpolitik zum Beispiel  geht es im Vergleich auch schon deutlich bergauf.

Mehr oder weniger gleichzeitig (genauer mit Datum) hat sich auch in
eurem Heimatland ein Machtwechsel vollzogen. Blair - Brown.  - denn viele als sagen wir mal als nicht geglückt bezeichnen würden.

Das war nicht so toll und eigentlich auch keine wahre Veränderung. Das
Problem mit GB ist, dass wir Amerika und deren Außenpolitik zu sehr folgen,
obwohl wir uns in den Belangen vielmehr an Europa halten sollten. Das ist echt lächerlich.

Nicht nur seit Frank Turner kann man einen riesigen Trend beobachten. Folk scheint im großen Stil zurückzukommen. Deckt sich das auch mit eurer "Insider"-Perspektive?

Ich denke, dass dieser Trend schon länger auf dem Vormarsch ist. Seit 5
Jahren ungefähr. Wir organisieren und haben auch unser eigenes Festival in England und auch da haben wir neuerdings eine eigene Folk-Bühne. Wir bemerkten da  einen Anwachs an Zustimmung. Die Leute lassen sich einfach wieder mehr von akustischer Musik begeistern. Das passiert wahrscheinlich halt auch zwischendurch mal, dass die Menschen die Nase voll haben von diesen technologischen Klangeffekten und der schlechten Popmusik, die sie im Radio hören. Eine Art Reaktion also auf diesen Trend, dass alles immer perfekt sein muss. Diese Perfektion ist doch auf Dauer langweilig. Ab und zu, muss man haltauch mal einfach ne ungestimmte Gitarre hören.

Noch kräftiger und entschlossener wie in "Burn America Burn" kann man Sozialkritik kaum verpacken. Auf den ersten Blick könnte man das Ganze sogar fast für Schadenfreude halten.

Das stimmt. Der Song "Burn, America, Burn" hat schon einen heftigen Slogan im Refrain. Aber der Song selbst handelt von Amerika in den letzten Tagen unter Bush, und wie es sich selbst zerrissen hat. Es geht nicht darum, Amerika niederzubrennen, sondern dass es sich selbst zerstört hat. Und im Song verdeutlichen wir das mit dem Virginia Tech College Amoklauf, als Beispiel dafür, dass Amerika sich selbst in Stücke reißt. Als wir den Song in Großbritannien gespielt haben, hatten wir T-Shirts auf denen auch stand: "Burn, UK, Burn!".

Das Musikgeschäft hat sich in den letzten 20 Jahren kräftig verändert.
Britney Spears und Lady Gaga dominieren die Charts. Nervt euch das?

Es ist schon ein oberflächliches Gewerbe. Aber mich persönlich stört es nicht
so, es gibt halt Platz für jeden darin. Die Art von Musik ist nicht wirklich
mein Ding, aber andere mögen es. Solange es eine solche Plattform für Leute gibt, um sich selbst auszudrücken, ist alles in Ordnung.

Alte und aktuelle Lieblingsmusik?

Als ich anfing zu spielen, waren es vornehmlich "The Clash". Ich hätte
wahrscheinlich nie eine Gitarre in die Hand genommen, wenn Joe Strummers nicht gesagt hätte, jeder könne Gitarre spielen. (lacht) Ich habe auch viel Neill Young, Bob Marley oder Public Enemy gehört, also all diese Künstler Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre. Was aktuellere Bands angeht, mag ich The Libertines oder die Clear Lakers, eine lokale Band aus Brighton die eigentlich viel bekannter sein sollten. Aber sie sind toll, richtig laute Rockmusik. Es gibt auch eine neue Band in Großbritannien namens Stornoway, sie gehen auch in die Richtung Folkrevival, was du ja gerade schon einmal angesprochen hast. Klingen etwas wie die britischen Fleet Foxes. Ich hab mir auch viel Them Crooked Vultures angehört, Dave Grohls und Josh Hommes neues Album, das ist ziemlich cool!

Ihr werdet in der Presse gerne als Grüne-Anarchisten betitelt. Passt
diese Kategorisierung oder machen es sich die Leute damit nicht doch zu einfach?

Für mich ist so eine Kategorisierung nicht nötig und auch überhaupt keine gute Sache. Aber was Beschreibungen angeht, würde ich dem schon zustimmen. Man hat uns schon viel Schlimmeres genannt. (lacht) In Großbritannien mussten wir uns jahrelang in der Presse anhören, dass wir keinen Anarchie-Punk machen oder dies und das nicht sind. Also nur so tun als ob, und das brach uns das Herz. (lacht) Angeblich stammte ich aus einer richtig wohlhabenden Familie mit riesigem Besitz in Irland - ich hab in meinem ganzen Leben noch kein Land besessen! Die Leute haben manchmal so ein falsches Bild. Aber das ist schon lange her, jetzt ist es
besser. 

                                          Ein Interview von Ben Grosse-Siestrup


|Mariuzs Duda im Interview (Riverside)|


Wie würdest du eure Musik Leuten beschreiben, die euch noch nie gehört haben?

Nun, was unsere Musik ausmacht, sind die Gegensätze:
Traurigkeit und Freude,Flüstern und Schreien. Ich bin mir zwar nicht ganz sicher, aber ich hoffe zumindest, dass wir eine Progressive Rock-Band (Prog Rock-Band) sind.

Die Texte zu euren Songs sind oft sehr melancholisch.Man könnte sie sogar als depressiv bezeichnen. Wie ist das mit dir selbst? Kannst du dich in ihnen wiederfinden?

Es wäre eine Lüge, wenn ich die Lyrics als komplette Fiktion oder kranke Fiktion bezeichnen würde.Sie sind aber ebenso wenig mein Tagebuch.Beim Schreiben beeinflussen mich da viele Sachen -auch meine engen Freunde und natürlich ich selbst.Ich würde sagen, dass es ungefähr 50% Fiktion und 50% Realität sind, die dabei zusammenkommen.

Dann würdest du dich selbst also auch als melancholisch bezeichnen?

Ich würde sagen ich bin ein introvertierter Charakter, der dazu neigt, extrovertiert zu sein. Oder ein Melancholischer Typ mit dem Hang, in bestimmten Situationen in Glücksausbrüchen zu schwelgen.

Kommen wir zu eurem Album Anno Domini High Definition.
Das ist vom Sound her ganz anders als eure vorherigen Platten. Es ist viel extrovertierter und energiegeladener.
Habt ihr das von vornherein beabsichtigt? Wolltet ihr damit mit der Alben-Trilogie, die ihr vorher gemacht habt, abschließen?

Wir wollten tatsächlich etwas anderes als in der Reality Dream -Trilogie machen. Schon allein, um das Album davon abzugrenzen.
Dafür haben wir dieses mal vieles anders gemacht. Angefangen vom Studio selbst, dem Soundtechniker bis hin zum künstlerischen Ansatz an sich. Wir wollten einfach Fenster und Türen aufstoßen, um mehr Frischluft in unsere Musik zu lassen. Bisher war unsere Musik ja sehr melancholisch und düster gewesen. So etwas wie einen Rock-Flow gab es nicht. Außerdem wollten wir mal ein Werk machen, das man nicht nur mit geschlossenen Augen spät in der Nacht, sondern genauso tagsüber hören kann. Wir wollten diesen energiegeladenen rockigen Sound. Das war von Anfang an unsere Herangehensweise.

Jedes eurer Alben hat eine Geschichte.
Ein Charakter, der in der Mitte des Geschehens steht.
Erzählst du unseren Hörern die Geschichte zu ADHD?

Dieses Mal ist es nicht nur ein Protagonist. Ich habe über Personen geschrieben, die versuchen, sich in unserer Zeit zurechtzufinden. Die versuchen, sich selbst zu fangen, zu rennen und dem Chaos zu entkommen. Gleichzeitig ist da eine Verbindung zwischen diesem Rennen und der Krankheit ADHS -dem Aufmerksamkeitsdefizithyperaktivitätssyndrom. für mich neben dem Ausdruck „High Definition“ ein Charakteristikum unserer Zeit.

Dann würdest du das neue Album also als aktueller und gegenwartsbezogener bezeichnen als eure bisherigen Werke?

Ja. Ich denke, wir haben letztendlich unseren Stil gefunden, der nun mehr up to date ist.Außerdem versuchen wir, den Sound, der heute sehr modern ist, mit dem zu verbinden, der in den frühen 70ern ziemlich angesagt war. Er ist immer noch sehr frisch und neu -hoffe ich zumindest (räuspert sich).

Das ist interessant, wurde eure neue Platte von Kritikern doch mit Bands wie Deep Purple oder Rush im Sinne eines älteren, weniger aktuellen Sounds verglichen. Du hast es ja sogar selbst damit verglichen. Vorher allerdings gab es Vergleiche mit eher „neueren“ Prog Rock-Bands wie z.B. Porcupine Tree oder Opeth.

Erst einmal möchten wir gar nicht wie die Bands klingen, mit denen wir oft verglichen werden: Anathema, Opeth, Porcupine Tree. Sie sind zur Zeit relativ bekannt, klingen aber vom Ansatz her recht ähnlich. Im Gegensatz zu ihnen wollten wir diesen „alten“ Charakter der 70er für uns entdecken. So klingen wir teilweise vielleicht eher wie Led Zeppelin, Deep Purple oder Rush. Das für uns einmal typisch Melancholische haben wir hingegen abgelegt -zu Gunsten von Hard-Rock Elementen. Das ist für uns und unsere Musik sehr neu und daher auch sehr progressiv, sehr fortschrittlich.

Dann definierst du „frisch“ also als einen neuen Sound, den ihr für euch entdeckt habt?

Unser Ziel ist es, uns musikalisch immer weiter zu entwickeln.
Als wir die Reality Dream -Trilogie gemacht haben, wollten wir genau so melancholisch klingen. Jetzt, nach dem Abschluss der Trilogie, haben wir diesen Sound abgelegt. Mit dem Ergebnis sind wir sehr zufrieden. Ich weiß nicht, ob ich die richtige Person bin, um zu sagen „das ist frisch“ oder eben nicht. Aber für mich persönlich hört es sich wirklich gut für Riverside an, weil es einfach neu und anders ist. Es macht das Album besonders und nebenbei: Das ist es letztendlich, was eine Prog Rock -Band ausmacht: Grenzen zu durchbrechen.

In A.D.H.D. präsentiert du einen Blick auf die Gesellschaft, der sehr extrem ist. Du stellst Sachen wie Schnelligkeit, Ehrgeiz und Anpassung sozusagen bewusst übertrieben da. Wie stehst selbst zu diesen gesellschaftlichen Werten?

Wir haben alles und haben Zugang zu allem. Das ist das, was für mich unsere Zeit ausmacht. Wenn du alles haben kannst, hast du es gleichzeitig sehr schwer, dich zu entscheiden. Das ist aber sehr wichtig. Ich hoffe einfach, dass in der Zukunft über diesen Drang zur Hektik geredet wird, die mittlerweile schon zum Standard für einen jeden geworden ist. Ich bin mir nicht sicher, ob diese Hektik so gesund für unseren körperlichen und seelischen Zustand ist.
Deshalb hoffe ich, dass die Leute auch durch unser Album über diese Sache nachdenken werden, dass sie vielleicht kurz inne halten und einen Gang runterschalten.

Du hast schon gesagt, dass du es nicht magst, wenn man euch mit bekannten Bands vergleicht. Trotzdem die Frage: Wie, denkst du, werdet ihr in Zukunft klingen? Eher so wie moderner Prog Rock im Sinne von Opeth oder Porcupine Tree oder doch eher Richtung  Pink Floyd -den „älteren“ Bands?

Natürlich beeinflussen uns Bands wie Anathema, Pink Foyd und Porcupine Tree sehr in unserem musikalischen Schaffen.
Aber ebenso möchten wir auch nicht wie die Kopie einer berühmten Band klingen. Wenn du wirklich weiterkommen willst, solltest du schließlich deinen eigenen Stil entwickeln. Ich denke, dass Riverside sich stets irgendwo zwischen Rock und Metal einordnen lassen werden. Außerdem wird unsere Musik immer diese Gegensätze, die ich am Anfang unseres Interviews schon angesprochen habe, beinhalten. Typisch für uns sind auch die Melodien. Die lassen sich in recht moderner Musik hingegen oft nicht finden. Wir sind da klassischer: selbst wenn wir mit seltsamen Sounds oder Loops experimentieren, ist da doch stets eine Art roter Melodiefaden, der das Ganze zusammenhält. Ich weiß zwar nicht, in welche Richtung sich unsere Musik entwickeln wird. aber sie wird wohl immer ein Zusammenschluss aus den alten und den neuen Zeiten sein.

Kommen wir zu etwas ganz anderem. Ihr wart jetzt schon einige Male in Deutschland. Hat sich das Publikum verändert?

Ich denke, wir bewegen uns Stück für Stück nach vorn. Als wir unser erstes Album aufgenommen haben, hat man uns nur deshalb unterstützt, weil wir gerade neu anfingen. Seit dem zweiten Album wurden wir erfolgreicher und das Publikum wuchs. Nach dem dritten war es ungefähr so: Für einige Leute war es größer, als sie es hätten haben wollten. Gleichzeitig tauchten aber auch viele neue Leute auf, die uns vorher nicht gemocht haben. Das ist auch jetzt so: Das Publikum verändert sich immer noch ständig. Aber es wächst auch zunehmend. Es passiert alles sehr langsam -bis wir dann das Knaller-Album rausbringen, das ein wahnsinnig kommerzieller Erfolg wird und unser Leben für immer verändert (lacht). Okay, das war jetzt ein Witz, aber wer weiß schon was in Zukunft passiert?!


Und was magst du am meisten daran, live zu spielen?

Die Reaktionen der Leute. Und wenn sie zu Beginn erst nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen, dann aber doch viel Spaß hatten und fröhlich sind. Und natürlich einige Pannen, auf die man sich nicht vorbereiten kann. Das ist auch immer eine nette Sache: Es verändert die Setlist ein wenig und die ganze Herangehensweise.
Das macht ziemlich Spaß. Aber dafür leben wir ja auch: Eine Band zu sein, live zu spielen.

Stichwort „Band“:
Gibt es eine Band, mit der ihr gerne zusammenarbeiten würdet?

Klar, da gibt es einige. Aber das beste wäre wohl, mit Rush zusammenzuspielen. Sie sind eine der größten Prog Rock Bands, wenn man so will.  Sie haben ihren eigenen Stil und es gibt sie mittlerweile schon seit 30 Jahren. Ich habe eine Menge Respekt vor ihnen. Ich denke, wir werden in Zukunft mit mehreren Bands zusammenarbeiten können. Doch wer das sein wird und was dabei rauskommt -das weiß nur die Zeit.

                                           Hannah Milena Seichter

                                                      Photos: d'hAmm