Samstagabend, 20:15 Uhr, ARD: Die Bühne für den deutschen Vorentscheid zum 70. Eurovision Song Contest könnte kaum größer sein. Doch neben der Frage, wer für Deutschland nach Wien fährt, geht es auch darum, wie der SWR sich in seinem ersten Jahr als neuer verantwortlicher Sender schlägt. Noch vor der großen Liveshow fällt das Urteil ernüchternd aus.
Der ESC und der NDR haben sich aneinander abgenutzt
Seit 1996 lag die deutsche ESC-Verantwortung in fester Hand des Norddeutschen Rundfunks (NDR). Das ist die mit Abstand längste ununterbrochene Federführung einer Sendeanstalt für den deutschen Act beim Eurovision Song Contest. In diese Zeit fallen legendäre Beiträge wie „Guildo Hat Euch Lieb“ (1998, 7. Platz), „Wadde hadde dudde da?“ (2000, 5. Platz) oder „Can't Wait until Tonight“ (2004, 8. Platz). Ein besonderes Highlight war sicherlich auch Lenas Sieg mit „Satellite" im Jahr 2010 und die Austragung des ESCs in Deutschland im Folgejahr.
Zur Wahrheit gehört aber auch, dass diese Erfolge zu einem nicht unerheblichen Anteil auf die Tätigkeiten von Stefan Raab zurückgehen und der NDR mit der alleinigen Verantwortung häufig einen unglücklichen Eindruck hinterließ. So landete man in den letzten zehn Ausgaben der größten Musikshow der Welt ganze sieben Mal auf dem letzten oder vorletzten Platz. Es schien, als hätten sich der ESC und der NDR aneinander abgenutzt. Da halfen auch zwei respektable Top-15 Platzierungen in den beiden vergangenen Jahren nicht mehr. Eine Veränderung musste her. Das sah der NDR genauso und übergab zum Jahreswechsel die Verantwortung an den Südwestrundfunk (SWR).
SWR - Das „T“ steht für Transparenz
Dieser Wechsel schien zunächst eine große Chance zu sein. Es war die Möglichkeit, bestehende Auswahlprozesse für den deutschen ESC-Act neu aufzubauen, Inspiration für den Vorentscheid aus dem Ausland einzuholen und mehr auf die eigene ESC-Community zu hören. Und tatsächlich: Der SWR versprach alles ganz anders machen zu wollen. Was aus diesem Versprechen resultierte war jedoch wenig revolutionär und vor allem schleierhaft. Es startete mit einer nicht öffentlich kommunizierten Bewerbungsphase für den ESC 2026, in der der Sender selbst Künstler einlud, sich für den eigenen Auswahlprozess zu bewerben. Zudem wurde ein Schreibcamp in Südfrankreich organisiert.
Daraus resultierten nach eigenen Angaben „circa 400 Bewerbungen“. Ob es sich dabei um circa 400 Songs oder Künstler*innen handelt und wie hoch die Anzahl an Bewerbungen wirklich ausfiel ist unkar - Eine nähere Angabe machte der SWR selbst auf Pressenachfragen nicht.
Aus diesen 400 Bewerbungen wurden dann intern 60 Songs ausgewählt, die sich einer internationalen Marktforschung unterziehen mussten. Wie genau diese durchgeführt wurde und welche Songs wie abschnitten, auch das bleibt ein Geheimnis. Was die Öffentlichkeit wissen darf: Es wurden neun Acts für „Das deutsche Finale“ ausgewählt. Wer auf ein transparentes, nachvollziehbares Auswahlverfahren gehofft hat, bleibt ernüchtert zurück - mal wieder.
Die Angst vor dem Risiko
Für „Das deutsche Finale“ wurde ein breites musikalisches Spektrum „von Popschlager über schräge Nummern bis hin zu Rock“ angekündigt. Am Ende findet man im Line-Up durchaus vielversprechende und talentierte Künstler* innen, dafür aber - ganz objektiv betrachtet - nur wenige ESC-taugliche Songs. Stattdessen geht man den vermeintlich sicheren Weg und versucht sein Glück mit dezenten Beiträgen, die niemandem auffallen. Nicht positiv, aber eben auch nicht negativ.
Doch der Schein trügt. Ein Lied, an dem ein breites Publikum gefallen findet und das problemlos im Radio laufen kann, ist nunmal für einen Liederwettbewerb ungeignet. Wer beim ESC abstimmt, ruft meist nur für seinen absoluten Favoriten an. Ein Song muss bei den Zuschauenden also mehr auslösen, als ein „das ist ja ganz nett“ und viel mehr polarisieren, auffallen und eben auch zum Teil auf Abneigung stoßen. Frei nach dem Motto: Wer Hater hat, hat auch Lover.
Ein paar Hoffnungsschimmer gibt es aber trotzdem. Hier sind die Acts für „Das Deutsche Finale“ im Überblick:
Startnummer 1: Bela - Herz
Startnummer 2: Dreamboys The Band - Jeanie
Startnummer 3: Ragazzki - Ciao Ragazzki
Startnummer 4: Sarah Engels - Fire
Startnummer 5: Wavvyboi - Black Glitter
Startnummer 6: Laura Nahr - Wonderland
Startnummer 7: Malou Lovis - When I'm WIth You
Startnummer 8: Molly Sue - Optimist (Ha Ha Ha)
Startnummer 9: Myle - A Ok
Besonders die Namen Sarah Engels (DSDS Finale 2011) und Ragazzki, ein Musikerduo bestehend aus David Starosciak und Marti Fischer (bekannt durch u.a. „Barbaras Rhabarberbar") dürften beim Publikum wohl den größten Wiedererkennungswert haben. Bevor die Fans der beiden aber für ihre Stars anrufen können, müssen sie zunächst auf das Urteil einer internationalen Jury hoffen. 20 ehemailge ESC-Künstler* innen, Journalist* innen und andere Musiker* innen aus 20 verschiedenen Ländern dürfen am Samstag nämlich aus den neun Acts, drei auswählen, die in das Superfinale einziehen. Noch bevor irgendein* e Zuschauer* in die Möglichkeit bekommt, selbst abzustimmen. Eine herangehensweise, die der SWR nicht nur unbegründet lässt, sondern anscheinend auch nicht zu Ende gedacht hat. Man stelle sich beispielsweise vor, die Fans von Sarah Engels oder Marti Fischer, die extra für ihren Star eingeschaltet haben, bekommen nach zweistündiger Liveshow nicht einmal die Möglichkeit für ihren Favoriten abzustimmen. Der Aufschrei wäre vermutlich groß.
Auch für die sechs Künstler*innen, die nach wochenlanger Vorbereitung mehr oder weniger links liegen gelassen werden, ist diese Regelung schlichtweg eine Farce.
Ein Plan, der keiner ist
Auch in der Besetzung der Moderation wagt der SWR keine großen Veränderungen. Barbara Schöneberger bleibt in ihrem Amt und wird zum inzwischen zehnten Mal durch den deutschen Vorentscheid führen. Diese Entscheidung ist per se keine falsche, sorgt aber auch nicht gerade für Aufbruchstimmung. Da wirkt Hazel Brugger, die der SWR als Co-Moderatorin engagiert hat, eher nur wie eine Alibi-Veränderung.
Ein Eindruck, der sich bislang durch's gesamte deutsche ESC-Jahr zieht. Welchen großen Plan der SWR auch immer verfolgt, sofern es ihn überhaupt gibt, er ist bislang nicht nachvollziehbar. Zu intransparent ist die Kommunikation nach außen, zu uninnovativ wirkt die Suche nach dem deutschen ESC-Act. Alle Änderungen, die nach der Übernahme vom NDR vorgenommen wurden, erwecken das Gefühl, sie wurden nur vorgenommen, weil man etwas verändern muss. So hat man es eben versprochen und nur so hat man später Argumente, die Schuld für eine mögliche ESC-Misere bei jemand anderem zu suchen - ein perfektes Alibi eben.














